Polykrise
Eine Polykrise bezeichnet das gleichzeitige Auftreten und die Verschränkung mehrerer Krisen – wirtschaftlicher, geopolitischer, ökologischer, gesellschaftlicher –, die sich gegenseitig verstärken. Entscheidend ist: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Die Krisen addieren sich nicht nur, sie multiplizieren sich.
Den Begriff prägte der französische Philosoph und Soziologe Edgar Morin, unter anderem 1993 im Buch „Terre-Patrie“. Breit bekannt wurde er ab 2022/2023 durch den Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, der ihn beim Weltwirtschaftsforum in Davos in die aktuelle Debatte trug. Schon 2016 hatte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker das Wort benutzt, um das gleichzeitige Ringen mit griechischer Schuldenkrise, Ukraine, Brexit und Flüchtlingslage zu beschreiben.
Warum eine Polykrise mehr ist als viele Krisen
Eine einzelne Krise lässt sich eingrenzen, benennen, abarbeiten. In einer Polykrise greifen die Krisen ineinander: Die Energiekrise verschärft die Inflation, die Inflation den sozialen Druck, der soziale Druck die politische Instabilität – und jede Rückkopplung macht die nächste unberechenbarer. Genau diese Verschränkung überfordert Organisationen, die gewohnt sind, Probleme nacheinander zu lösen.
Was das für Führung heißt
Führung in der Polykrise heißt nicht, alle Krisen gleichzeitig zu lösen – das kann niemand. Es heißt, die Verschränkungen zu sehen, statt jede Krise isoliert zu behandeln, und handlungsfähig zu bleiben, obwohl kein vollständiges Bild verfügbar ist. Wer auf das Ende der Krise wartet, um wieder „normal“ zu führen, wartet vergeblich. Die Polykrise ist kein Ausnahmezustand, der vorübergeht, sondern der Kontext, in dem die nächste Dekade geführt wird.